Die Kiste der verlorenen Familie

Briefe und Telegramme halfen einer Thurgauerin, die Verfolgung und Ermordung ihrer jüdischen Verwandten zu rekonstruieren.

Pascal Moser

Jahrzehntelang bestimmte Schweigen die Familiengeschichte von Paula-Jane Martin. Ihr Vater, ein  tschechischer Jude, der vor der Nazi-Verfolgung geflohen war, sprach nie über das, was ihm widerfahren war. Heute hält die inzwischen 49-Jährige Vorträge über die Geschichte ihres Vaters, die sie Stück für Stück rekonstruiert hat. Und erzählt davon beim Kaffee in Bern, wo sie als Dolmetscherin arbeitet und lebt.

Das KZ wurde verschwiegen

Als Kind hätte ihr zwar niemand verboten, zu fragen, sagt sie. Trotzdem hätten die Antworten Leerstellen hinterlassen, auf die einzugehen sie nicht gewagt hätte. Vom Tod ihrer Grosseltern beispielsweise hatte sie zwar gewusst. Dass sie wie alle Mitglieder der Familie, nach Theresienstadt deportiert, im Oktober 1944 mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz gebracht und ermordet wurden – wie hätte sie es erfragen sollen. 

Das änderte sich, als ihre Halbbrüder in London eine Schachtel fanden, die rund 350 Briefe, Postkarten und Telegramme aus der Zeit zwischen 1938 und 1945 enthielt. Weil nicht alle Familienmitglieder Deutsch lesen können, hätten sie Martin gebeten, einen Teil der Korrespondenz zu übersetzen. So beginnt sie, tiefer zu graben.

Sie setzt sich mit dem Prager Stadtarchiv, mit dem ehemaligen Vernichtungslager in Auschwitz und ihren Verwandten in Verbindung. Und lernt ihren Vater neu kennen.

Shoah-Nachfahrin Paula Martinarbeitet als Dolmetscherin in Bern und gibt Vorträge.
Eine Kiste, die alles verändert

«Ich habe meinen Vater nie so erlebt. Er war lebendig, leidenschaftlich, humorvoll.» Es sind Liebesbriefe an die spätere erste Frau und damalige Geliebte Renée Stransky, die bereits in England war. Die tragische Geschichte der Flucht könne sie sich «nicht eine Sekunde vorstellen. »
Seit sie die persönliche Familiengeschichte noch besser kennt, berührt sie die Geschichte der Judenverfolgung auf eine noch schmerzhaftere Weise.
Wenn sie spricht bricht ihre fröhliche Ausstrahlung nur selten unter dem Inhalt ihrer Erzählung. Sie redet von einem gedanklichen Durcheinander, gibt sich gleichzeitig Mühe, möglichst genau zu schildern.

Zu leben habe der Vater erst begonnen, nachdem er geflüchtet und schliesslich in England gelandet war, sagt Martin. Unter neuem Namen vergrub er seine Vergangenheit und gründete eine Familie, liess sich scheiden und zog in den Thurgau. Hier wurde er nochmal Vater von vier Kindern, darunter Paula-Jane.

Ihr Vater verlässt Prag im Februar 1940 als einziges Mitglied seiner Familie. Seine Flucht führt nach Bratislava und von dort auf der Donau bis ins rumänische Konstanza.
Es folgt eine lange und beschwerliche Reise: Während 72 Tagen ist die Flüchtlingsgruppe auf dem Schwarzen Meer unterwegs, bevor sie Haifa erreicht. Die Einreise nach Palästina wird jedoch von den britischen Behörden verweigert.
Auf einem der Bilder, die Martin zeigt, ist ein überfülltes Schiff zu sehen, auf einem anderen ein Text, der es als schwer beschädigt, ja als «sicheres und hilfloses Todesurteil» beschreibt. Es ist ein Tagebucheintrag. 

Darin heisst es auch: «Ich gehe hinauf an Deck. S.O.S. S.O.S. Wir senden die Signale hinaus in die ruhige, gefühllose Nacht. S.O.S. – zweitausend Juden ohne Kohle auf einem Wrack. S.O.S. – zweitausend sinnlose, hoffnungslose Seelen, die auf Rettung warten. S.O.S.» Dann nähert sich ein Schiff. «Es tut uns leid, aber wir können nicht helfen», sagt die englische Besatzung, dreht ab und fährt weg, so der Eintrag weiter. «Und das Wrack, genährt von seinem eigenen verwesenden Leichnam, ging seinen eigenen kreischenden Weg. Wohin und wie lange noch, und was wird dann geschehen, wenn nichts mehr übrig ist?»

Tod und Hunger gingen um

Teil dieser Gemeinschaft von Flüchtenden sind Freunde und Bekannte, zum Beispiel Annina, von der die Tagebucheinträge stammen. Martins Vater hat das Schreiben während der Flucht
aufgegeben. Die dauert bis zum Ende des Jahres 1940. Auf dem Schiff herrscht konstanter Mangel und Typhus geht um. Von den rund 2000 polnischen, deutschen und tschechoslowakischen Passagieren überleben rund 1580. Martins Vater verliert aufgrund der schlechten Versorgung mehrere Zähne. Die Insel Mauritius, auf der die Gruppe schliesslich ankommt, verlässt er nach rund neun Monaten, um gemeinsam mit rund 90 jungen tschechoslowakischen Männern mit den alliierten Streitkräften gegen das nationalsozialistische Regime zu kämpfen. Dieser Weg führt ihn zunächst nach Nordafrika und später nach England, wo er als Übersetzer für die britischen Streitkräfte tätig ist. Nach dem Krieg ist er ein neuer Mensch – die britische Staatsbürgerschaft erhält Martin in einem vereinfachten Verfahren, seinen Namen legt er ab, von einem Gedanken getrieben: Er lautet «Nie wieder jüdisch» Pascal Moser und bleibt auch später prägend für Martin. Seine Tochter erinnert sich.

Antworten für die nächste Generation

Ihre Kiste enthält Schreiben von Eltern, Verwandten und Freunden. Es sind Dokumente eines Alltags, der langsam zerbricht. Besonders bewegen Martin die Briefe von Renées Mutter. Darin stehen keine grossen historischen Wahrheiten, sondern Sätze, die jede Mutter schreiben könnte. Das klingt so: «Liebes Kind, es ist drei Uhr morgens. Ich kann nicht schlafen, weil du mir fehlst. Wenn du zurückkommst, mache ich dein Lieblingsessen.» «Ich bin selbst Mutter», sagt Martin. «Wenn meine Töchter weg sind, kenne ich genau dieses Gefühl. Das sind universelle Dinge. Gerade deshalb berühren
mich diese Briefe so.» Vielleicht teilen solche Sorgen alle Mütter dieser Welt. Gerade aber Jüdinnen verbindet noch anderes, eine eigene, historisch
gewachsene Angst: «Ich sage meinen Kindern, dass sie den Davidstern verstecken sollen, sobald es irgendwo zu Randalen oder Ähnlichem kommen
sollte», sagt Martin. Auch für die Kinder gräbt sie so eifrig in der Familiengeschichte. Damit die kommende Generation nicht wie die letzte nach den
Antworten graben muss. Und damit die Warnung, die den Briefen eingeschrieben ist, nicht verstummt.

Zur Organisation

Paula-Jane Martin arbeitet mit der Organisation SET zusammen. Die Stiftung für Erziehung zur Toleranz SET organisiert und koordiniert Besuche von Nachkommen von Holocaust-Überlebenden in Schulklassen. Dies erfolgt im Auftrag des EDI und anderer Organisationen, die Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung in all ihren Formen bekämpfen.