Über Holocaust reden, obwohl es weh tut

Die Dolmetscherin und Übersetzerin Paula-Jane Martin ist Nachfahrin jüdischer Holocaust-Überlebender.

Am Dienstagmorgen teilte sie ihre Familiengeschichte mit einer Klasse der Deutschsprachigen Orientierungsschule Freiburg.
Noëmi Glauser

Es klingelt. Die grosse Pause ist vorbei. Rasch setzen sich die Schülerinnen und
Schüler der deutschsprachigen Orientierungsschule in der Stadt Freiburg an ihre Plätze. Denn die Jugendlichen der 3B1 wissen, dass an diesem Dienstagmorgen keine gewöhnliche Geschichtsstunde auf dem Programm steht. Im Rahmen der Unterrichtseinheit «Holocaust-Nachkommen erzählen» spricht heute die Thurgauerin Paula-Jane Martin über die bewegende Geschichte ihrer Famili

Der Vater von Paula-Jane Martin war einer der wenigen europäischen Juden, die den Holocaust überlebt haben.
Familiengeschichte bewegt

Gleich zu Beginn der Doppelstunde erzählt Martin, dass ihre Eltern beide jüdisch waren. Sowohlnihr Vater, George Morton, als auch seine Frau aus erster Ehe überlebten dabei den Holocaust. Martin ist eine der Töchter aus George Mortons zweiter Ehe. Bevor die Frage gestellt werden kann, sagt Martin:

«Mein Vater war über 60 Jahre alt, als ich auf die Welt gekommen bin. Es ist also tatsächlich die Geschichte meines Vaters und nicht die meines Grossvaters.» Bevor sie fortfährt, betont Martin, dass die Schülerinnen und Schüler sie alles fragen dürfen:

«Ich wünsche mir, dass die Doppelstunde kein einseitiger Vortrag ist. Fragt einfach.» Die Jugendlichen hören aufmerksam zu.

Anders als andere Väter

George Morton habe nie geschlafen. Er sei immer nur für ein,nzwei Stunden am Stück zur Ruhe gekommen. Er habe häufig kontrolliert, ob sich genügend Essen im Kühlschrank befinde. Der silberfarbene Metallkoffer mit brandsicheren Dokumenten habe immer griffbereit unter dem Bett gestanden. 

«Mein Vater war anders als andere Väter. Er blieb für immer ein Flüchtling», so Martin. 

Sie erzählt, dass ihr Vater nie über seine Vergangenheit gesprochen habe. Lange Zeit sei er für Martin einfach Universitätsprofessor für Mathematik und Statistik gewesen: «Mein Vater hatte einen grossen Schreibtisch. Als Kind dachte ich deswegen, dass er bestimmt superwichtig ist.» Der Vater starb, als Martin gerade mal 19 Jahre alt war. Heute ist Martin 49 Jahre alt. Hauptberuflich arbeitet sie als Dolmetscherin. Mit ihrer Familie wohnt sie in Gümligen bei Bern.

Briefe, Karten und Telegramme

Vor einigen Jahren haben die zwei Halbbrüder von Martin in London eine Kiste mit Briefen, Karten und Telegrammen gefunden. Den Grossteil der Briefpost hatte der gemeinsame Vater,George Morton, regelmässig an die Mutter der zwei Brüder geschrieben. Als es für Jüdinnen und Juden in der damaligen Tschechoslowakei ungemütlich wurde, war seine spätere erste Ehefrau, Renée Stransky, nämlich mit 17 Jahren nach Grossbritannien emigriert. Ihre Jugendliebe Jiří Morgenstern blieb zurück. Dieser sollte seinen Geburtsnamen nach dem Krieg ändern, um nicht mehr als jüdisch erkennbar zu sein. «Ich muss dir endlich schreiben, wie lieb ich dich habe», tönt die fiktive Stimme George Mortons aus einem kleinen Lautsprecher. Um den Jugendlichen die Briefe möglichst authentisch vorzustellen, hat die Übersetzerin sie von Kolleginnen und Kollegen einsprechen lassen. 

Die Briefe berühren die 49-Jährige: «Ich habe meinen Vater nicht so wortgewandt gekannt. » Martin zeigt den Schülerinnen und Schülern mehrere Briefausschnitte. Die Texte sind ebenfalls Zeugnisse der damaligen Zeit. So beschreiben sie neben dem Alltäglichen auch die verschiedenen Repressionen gegen Jüdinnen und Juden. In einem Brief schreibt George Morton, dass sein Vater seinen Beruf in der tschechischen Heimat nicht mehr ausüben konnte. In einem anderen steht geschrieben, dass an der Prager Universität viele jüdische Studenten getötet wurden. 

Irrfahrt über das Meer 

Im Prager Stadtarchiv hat Paula-Jane Martin ebenfalls Antworten gefunden. Verschiedene Anträge und Listen von Familienmitgliedern, die sich ins Ausland flüchten wollten, seien dort aufbewahrt. Sie weiss: «Am Abend des 14. Dezembers 1940 hat mein Vater Prag verlassen.» Das Ziel sei das britische Mandatsgebiet Palästina gewesen. Laut der Dolmetscherin ist in dieser Zeit der Briefkontakt zwischen ihrem Vater und Renée Stransky aufgrund des Krieges abgebrochen. George Morton war nicht der Einzige, der sich dazu entschloss, zu flüchten. 

Eine Freundin und Vertraute der Familie, Annina, nahm dieselbe Route. Sie hielt die Schreckensreise in ihrem Tagebuch fest. 

«Annina war der Engel meiner Kindheit. Im Gegensatz zu meinem Vater konnte sie sprechen», erklärt Martin den Schülerinnen und Schülern der 3B1. Gemeinsam mit rund 2500 anderen Jüdinnen und Juden hätten ihr Vater und Annina zunächst in Bratislava festgesessen. Schliesslich seien sie mit dem Schiff Atlantic über das Schwarze Meer in Richtung Palästina aufgebrochen. Eine Irrfahrt. Niemand hatte die Flüchtlinge aufnehmen wollen. Zudem sei auf dem Schiff die Krankheit Typhus ausgebrochen. Dabei handelt es sich um eine bakterielle Infektionskrankheit, die, wenn sie nicht behandelt wird, schlimme Folgen mit sich ziehen kann. «Annina hat mir erzählt,dass die Toten über Bord geworfen werden mussten», sagt Martin. Sie zeigt ein paar wenige Fotos, die es von der Atlantic gibt.

Über Mauritius nach London

Es ist Zeit für fünf Minuten Pause. Zwei Mädchen der Klasse 3B1 besprechen, dass sie es wichtig finden würden, dass Frau Martin so offen von ihrer Familie erzähle. Ein Junge schliesst sich an: «Ich habe bereits viel über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust gehört, aber eine so persönliche Geschichte zu hören, macht das Thema greifbarer. » Dann nimmt Paula-Jane Martin das Erzählen wieder auf: 

«Die Jüdinnen und Juden der Atlantic wurden schliesslich nach Mauritius gebracht.» Auf der britischen Kolonie habe ihr Vater 1943 mit rund 90 anderen Juden aus Tschechien den Entscheid getroffen, zurück nach Europa zu reisen, um ebenfalls gegen Hitler zu kämpfen. «Weil mein Vater verschiedene Sprachen konnte, hat er schliesslich als Übersetzer für die Alliierten gearbeitet», so Martin. In London habe George Morton zurück zu Renée Stransky gefunden. Sie heirateten.

Diskriminierung bekämpfen
Martin berichtet, dass vor dem Zweiten Weltkrieg rund 360’000 Jüdinnen und Juden in der damaligen Tschechoslowakei lebten. 264’000 Jüdinnen und Juden sind während des Holocausts ermordet worden. Sowohl die Eltern George Mortons als auch Renée Stranskys wurden in Auschwitz umgebracht. Informiert wurde das Paar via Telegramm. «Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich bei den Opfern um echte Menschen handelt», schliesst Martin. Dann eröffnet sie die Fragerunde. Ein Mädchen möchte wissen, ob Martin sich vorstellen könne, was ihr Vater durchgemacht hat. Die Dolmetscherin antwortet: «Ich habe ein Bewusstsein für ihre Geschichte. Da sind viele Emotionen. Genau nachfühlen kann ich ihre Geschichte aber nicht.» Ein Junge will wissen, wann sie verstanden habe, dass ihre Familie direkt vom Holocaust betroffen sei. «Spätestens als ich den Film ‹Schindlers Liste› gesehen habe, hat etwas in mir Klick gemacht», berichtet Martin. Zum Schluss der Doppelstunde ruft sie die Jugendlichen dazu auf, gegen Diskriminierung jeder Art einzustehen: «Achtet darauf, was um euch herum passiert. Seid wach.»